Sonntag, 9. April 2017

Kapitel 1a: Und jedem Anfang wohnt ein Jetlag inne...

Die erste Station meiner China-Reise ist die Hauptstadt Peking, wobei der Schock des ersten Ankommens eher sanft ausfällt. Zweisprachige Schilder und Durchsagen sowie überdurchnschnittlich viele Englischsprecher und -versteher machen den Einstieg leicht. Selbst für langnasige Taugenichtse, die nach über zwanzigstündiger Reise und schlafloser Nacht in der Holzklasse frisch am Flughafen ankommen. Dank des gut ausgebauten Zug- und U-Bahnnetzes, das den Flughafen mit der Innenstadt verbindet, wird es dann auch kein allzu nervenzehrender Endspurt bis zur Unterkunft. Über Peking könnte man endlos berichten. Denn Peking ist weniger eine Stadt als vielmehr eine ganze Provinz, in deren Verwaltungsbezirk über 21 Millionen Menschen leben und die flächenmäßig größer ist als Schleswig-Holtstein (Quelle: Wikipedia).

Vor dem Tor des Himmlischen Friedens.

Wer die chinesische Hauptstadt besucht, kommt natürlich nicht an den großen historischen Sehenswürdigkeiten aus der Kaiserzeit vorbei. Zwei der bekanntesten sind die verbotene Stadt mitten im Herzen Pekings und der Sommerpalast etwas außerhalb im Nordwesten. Beide Anlagen nehmen einen ungeheuren Raum ein und beeindrucken durch eine ebenso wuchtige wie würdevolle Architektur. Gerade der Sommerpalast mit seinen weitläufigen Gärten, künstlich angelegten Kanälen und der Lage rund um den idyllischen Kunming-See lässt erahnen, welchen gesellschaftlichen Rang die Ming- und Quing-Kaiser einst inne gehabt haben müssen. 
Der Sommerpalast am Kunming-See.

Wer heute den Sommerpalast oder die verbotene Stadt besucht, kann sich kaum vorstellen, dass diese Orte einmal nur dem Kaiser und seiner Familie vorbehalten waren. Ihre ganze Pracht und Schönheit diente in erster Linie zum Vergnügen eines einzelnen Mannes, während vermutlich Millionen von Leibeigenen bei den beschwerlichen Bauarbeiten verschlissen wurden. So konnte also der Kaiser mit seiner Kaiserin und dem Heer an Konkubinen im Sommer eine gemütliche Bootsfahrt auf dem Kunming-See unternehmen, ohne dass Menschentrauben am Ufer die Aussicht gestört hätten. 

Die Halle der höchsten Harmonie.
Heute stehen die Sehenswürdigkeiten allen 1,2 Milliarden Chinesen zum Besuch offen – und allen anderen, die Devisen und ein gültiges Visum vorweisen können. Man teilt sich die Besuchserfahrung meist zwangsläufig mit sehr vielen weiteren Menschen, was nicht wenigen Individualreisenden mächtig gegen den Strich geht. Viele von ihnen stören sich an den Legionen von Selfiestick-bewehrten Tourgruppen, die die schönen Aussichten belagern und die Welt nur durch ihre Smartphone-Kameras wahrzunehmen scheinen.

Der Himmelstempelpark.
Dies gilt natürlich insbesondere für das chinesische Tourismus-Highlight schlechthin: die chinesische Mauer. Analog zu den kitschigen Schlössern in Bayern kann man auch bei der chinesischen Mauer feststellen, dass dieses Bauprojekt aus zeitgenössischer Sicht eher ein Epic Fail war. Weder die mongolischen noch die mandschurischen Invasoren zeigten sich sonderlich beeindruckt von dem Grenzwall, der ihnen den Weg versperren sollte. Heutzutage spült das Gemäuer zuverlässig Mengen an Touristen und Devisen ins Land. Dementsprechend kuschelig geht es auf der Mauer vielerorts zu. 

Die Offline-Mauer.
Ich persönlich habe (weitestgehend) meinen Frieden mit den Massen gemacht. Es gibt immer Mittel und Wege, den größten Andrang zu umgehen. Außerdem halte ich es für eine schöne Errungenschaft, dass in der heutigen Zeit jeder das Recht hat, diese wunderbaren Orte zu besuchen. Letztendlich sollte man sich als China-Reisender besser schnell an unüberschaubare Menschenmassen gewöhnen und lernen selbst im größten Gedränge die Ruhe zu bewahren, sonst wird das Reisen per Bus und Bahn zur nervlichen Zerreißprobe. Wer zum allerersten Mal, ohne Chinesisch-Kenntnisse und während der Rush-Hour am Pekinger-Hauptbahnhof einchecken wollte, weiß wovon ich rede. 

Straßenszenen.
Die Erwähnung des Hauptbahnhofs markiert nun auch auf wenig originelle Weise den Schlußpunkt meiner Zeit in Peking, für die ich außerordentlich dankbar bin. Es waren intensive und anstrengende sechs Tag begleitet von strahlendem Sonnenschein, in denen ich viele wertvolle Eindrücke sammeln konnte. Ich hätte auch nochmal sechs Tage bleiben können und mir wäre bestimmt nicht langweilig geworden. Dafür ist die Atmossphäre in der Stadt einfach zu stimulierend.Gerade wer bei Dunkelheit die grell erleuchteten  Marktstraßen entlangläuft erfährt eine schier rauschhafte Überflutung der Sinne. An jeder Straßenecke warten neue Absurditäten auf Entdeckung. Für einen Besuch würde ich wärmstens die Zeit der nächsten planmäßigen Tagung des Volkskongresses in 5 Jahren vorschlagen. Für dieses repräsentative Event werden nämlich rund um Peking die größten Dreckschleudern eingeschläfert, damit der Himmel in sozialistischem Blau erstrahlen kann.

Montag, 6. März 2017

Auf ein Neues!

Nachdem ich nun die letzten Tage wie eine aufgescheuchte Henne in der Gegend herumgeflattert bin, um allen nötigen Krempel zusammenzutragen und ein bestelltes Feld in der Heimat zu hinterlassen, komme ich nun endlich dazu, meinen ersten Post im neu benannten Blog zu verfassen. Der endgültige Aufbruch wird morgen früh stattfinden und gerade nagt noch dieser kleine Paranoia-Wurm an meiner Hirnrinde. Bestimmt habe ich irgendetwas Wichtiges vergessen und bestimmt werde ich über Sibirien aus allen Wolken fallen, weil es mir plötzlich wieder eingefallen ist. Dieses eine winzige Detail, das man immer übersieht.

Eigentlich hat dieser Post nur die Funktion, auf die Exhumierung dieser völlig redundanten Internetpräsenz aufmerksam zu machen und der geneigten Leserschaft durch übertrieben geschwollene Formulierungen und den Einsatz von Bandwurmsätzen nachhaltig das Lesevergnügen zu verderben. Für die Zukunft zu erwarten sind perspektivische Berichte eines Taugenichts über China, Nepal, Thailand und Malaysia. Assoziative Betrachtungen mit dem Geiste des Anfängers, dem niedrigen Informationsgehalt einer Vorabendserie und dem hohen Unterhaltungswert eines verräucherten Presseclub-Mitschnitts aus den späten siebziger Jahren. Ein grandioses Spektakel, für das man sich allerdings noch etwas gedulden muss. 

Denn voraussichtlich wird es im März keine weiteren Posts geben. Die fröhlichen 30 Tage im Reich der Mitte werden wohl weitgehend ohne ein Lebenszeichen von mir verstreichen. Und warum? Weil die fleißigen Chinesen gerne Mauern bauen. Und das nicht nur offline, sondern auch online. Außerdem steht die bloggende Zunft in nicht allzu hohem Ansehen bei den zensierenden Behörden, die zum Wohle aller Einwohner für den Erhalt der Harmonie im Staate sorgen. Natürlich gäbe es da Mittel und Wege, die Great Firewall zu untertunneln oder Löcher hineinzusprengen. Nur begegnet die chinesische Staatssicherheit solchen Vorhaben nicht eben mit Wohlwollen und ich habe wenig Interesse daran, beim Bau des nächsten staatlich-geförderten Infrastruktur-Großprojekts als 'freiwilliger' Helfer mitzuwirken. Daher werde ich die Zeit nutzen, um mich digital ein wenig zu entgiften und nebenbei fleißig meine Eindrücke mit Kamera und Notizbuch festzuhalten. Der nächste Beitrag wird vermutlich in Kathmandu das Licht der Welt erblicken. Bis dahin werde ich hoffentlich viele abscheuliche Köstlichkeiten gekostet, viel Smog inhaliert und ein paar zünftige Kulturschocks genossen haben. In diesem Sinne eine schockierend schöne Zeit an alle!   

  





 

Dienstag, 15. November 2016

Always look on the bright side of terrifying elections

Donald Trump wird voraussichtlich der 45. Präsident der Vereinigten Staaten und allerorten herrscht lähmende Fassungslosigkeit. Zeit für ein wenig Seelentröstung und zaghaften Optimismus. 




Hier 9 positive Perspektiven auf den Sieg von Donald Trump: 

1. Das Problem 'Erderwärmung' gehört zum Schnee von gestern. War eh bloß ein schlechter Scherz von den Chinesen. Auch ganz offiziell wird der Klimawandel bald abgeschafft werden. Per Executive Order des Präsidenten.

2. Die treuen Anleger von Pharmafirmen, Waffenherstellern, Kohleförderern und Gentechnik-Riesen. Was haben die gemeinsam? Natürlich dass sie alle gewaltige Sympathieträger sind. Aber nicht nur das. All diese Branchen sowie ihre Shareholder dürfen sich über den Sieg Donald Trumps und eine schöne Rendite freuen. Und wir freuen uns natürlich mit ihnen. 

3. Bald werden wir ein neues Dream Team auf der weltpolitischen Bühne bestaunen dürfen. Donald Trump und Wladimir Putin. Das wird bestimmt ein filmreifer Bruderkuss. Aber bitte mit Zunge!

4. Ansprüche werden leicht enttäuscht. Sie zu haben, bedeutet fast immer, sich unglücklich zu machen. Zu unserem Segen haben wir jetzt in Donald Trump einen US-Präsidenten, an den wir nicht den (völlig utopischen) Anspruch stellen , dass er seine Wahlversprechen hält. Im Gegenteil. Schon jetzt beginnt die Transformation vom Bulldozer zum Realpolitiker. Teile von Obamacare sollen erhalten bleiben. Auch das skandalöse Einreiseverbot für Muslime steht anscheinend auf der Kippe.

5. Die schwer in ihrer Existenz bedrohten Erben und Spitzenverdiener in den USA können endlich aufatmen. Das Joch der Steuerbelastung wird bald fast gänzlich von ihren Schultern genommen werden. Oder wie Onkel Dagobert sagen würde: "Ich bin stolz auf dich, Donald. Aber jetzt versaubeutels bloß nicht!" Besonders raffiniert: totale Gegenfinanzierung durch Wachstum!

6. Endlich mal wieder eine kultivierte und geistreiche First Lady, die ins Weiße Haus einzieht.

7. Für TTIP-Gegner ist der Wahlsieg Trumps zumindest in einer Hinsicht begrüßenswert: er schadet dem geplanten Freihandelsabkommen enorm. TTIP wandert vorerst in den Gefrierschrank und ob man es jemals wieder hervorkramen wird, steht in den Sternen. 

8. Die großen Zugewinne der AfD bei den jüngsten Landtagswahlen, der Brexit und jetzt die Trump-Wahl. Alles Dinge, die so nie hätten passieren dürfen. Zumindest wenn man sein Vertrauen in die Richtigkeit der Wahlprognosen gesetzt hat. Ein Vertrauen, das leider größtenteils enttäuscht wurde. Denn Umfrageinstitute müssen auch leben und Wähler lügen eben manchmal wie gedruckt. Für die Bundestagswahl 2017 wissens wir es nun besser: Anstatt für zweifelhafte Wahlprognosen können wir das Geld für etwas Sinnvolles ausgeben. Zum Beispiel für Schokolade. 

9. Der Trump-Sieg war ein weiterer Schuß vor den Bug der leckgeschlagenen Nußschale, die wir Europa nennen. Noch dieses Jahr folgen richtungsweisende Abstimmungen in Italien und Österreich, 2017 dann in Frankreich und Deutschland. Hoffentlich sind wir jetzt alle zusammen aufgewacht und unterschätzen unsere eigenen kleinen Trumps nicht länger, nur weil sie ein spät-wilhelminisches Weltbild vertreten, als eingefleischte Spießer gegen das Establishment wettern und Trends in Sachen entarteter Frisuren- und Kleidungsstile setzen.

(...)

Sonntag, 22. September 2013

Anti-Bali

Wenn man sich so umhoert, scheint Bali der Nabel Indonesiens zu sein. Fast jeder Reisende, den ich auf Java getroffen habe, kam von Bali oder wollte nach Bali. Aber warum eigentlich? Was hat Bali abgesehen von der geographischen Naehe zu Java denn Grossartiges zu bieten? Meine Ueberlegung war folgende: Wenn ich volle Strandhaubitzen sehen will, schalte ich RTL II ein, fuer billige Folklore den Musikantenstadl und halbnackte Weiber gibts zuhauf im Internet. All das kann ich auch zu Hause haben und noch dazu ohne mich finanziell zu runieren. Ob ich da jetzt masslos uebertreibe, sei mal dahingestellt. Aber Bali war jedenfalls gestorben.



Stattdessen beschloss ich die etwas abgelegenen Karimunjawa Islands zu besuchen, die etwa 80km noerdlich von Semarang, der Hauptstadt Zentraljawas, liegen. Schon allein die Anreise hat etwas Erhebendes. Am Bug des Schiffes zu stehen, durch die tiefblaue See zu schaukeln, den Wind im Gesicht und die Sonne im Nacken. Bereits nach einer Stunde Schifffahrt trifft man auf die ersten gruengesichtigen Javanesen und unter Deck weht ein Hauch von Erbrochenem, immer wieder wird unauffaellig in den Papierkorb gereiert. Auf Deck werden die ueblichen Fragen gestellt, die ueblichen Antworten gegeben, Fotos geschossen und Zigaretten getauscht. Die gaengigen Nazi-Assoziationen haben inzwischen fast ausgedient. Deutschland ist gaenzlich 'Baien Munschn' geworden.



 Nach etwa vier Stunden Fahrt kommt dann die Mangroven-bewachsene Hauptinsel des Atolls in Sicht, die wie ein entlegendes, tropisches Paradies aus dem Ozean ragt. Anders als Bali haben die Karimunjawas kaum internationales Flair, sondern eher rustikalen Charme. Die rund 9000 Einwohner (darunter sechs verschiedene Ethnien) leben groesstenteils in Karimun, dem einzigen kleinen Doerfchen mit Seehafen und
Bankfiliale. Nach Fischfang und Reisanbau haben die Einheimischen inzwischen auch den Tourismus fuer sich entdeckt.



 Jedes zweite Haus in Karimun fungiert als Homestay. Vor jedem Homestay steht das gleiche phantasielose Hinweisschild, mit freundlicher Unterstuetzung der hiesigen Tabakindustrie, die jedes einzelne gesponsert hat. Tagsueber wird der Strom abgeschaltet. Sanitaere Anlagen haben asiatischen Standard, bestehen also aus Schoepfkehlen-Dusche und Plumpsklo. Auf den maroden Starssen gackert das Ayam, Chicken oder auch gemeines Haushuhn genannt, das heimliche Wappentier Indonesiens.



 Über allem schwebt eine zähe tropische Hitze, die Sonne scheint wie durch ein Brennglas, Haut verbrennt innerhalb von Minuten. Man schwitzt Wasserfälle und registriert es kaum noch. Mein ambitionierter Plan, die Insel per Fahrrad zu erkunden erwies sich als reinstes Himmelfahrtskommando.
Zum einen wegen der genannten Hitze, zum anderen weil die Strasse zu 90% aus Schlaglöchern besteht und schließlich weil das Fahrrad zwei Nummern zu klein war. Alles Dinge, die irgendwie erst ins Gewicht fallen, wenn es zum Umkehren bereits zu spät ist. Mit dem Wasserweg hingegen kann man nichts falsch machen. Und gibt es einen besseren Weg, ein Archipel zu erkunden als per Boot? Im Hafen wird man schnell fündig und besteigt eine der langen, schmalen Nussschalen, die gewöhnlich zum Fischfang genutzt werden.


 Auf diese Weise taucht man ein in eine Welt, die man sonst nur von Postkarten und schwulstigen Urlaubsphantasien kennt. Das Motiv der einsamen Insel wurde real. Oder besser gesagt surreal. Denn im Rückblick fällt es mir schwer zu glauben, dass ich tatsächlich dort gewesen bin. Auf diesem wackligen Kutter bin ich an einsamen Tropeninseln gelandet, im Meer geschwommen, in Korallenriffe abgetaucht und an weißen Stränden entlang gelaufen. Wie der klassische Touri habe ich Meeresschildkröten, gewaltige Kugelfische und bunte Seesterne in Händen gehalten und bin in ein Becken mit gefangenen Haien gesprungen.



Schwermütigen Haien, die wohl aufgrund ihrer Depression jeglichen Appetit auf Fleisch verloren haben. Denn ich an ihrer Stelle hätte ein ordentliches Stück aus mir heraus gebissen. Im türkisfarbenen Wasser stehend habe ich abends Sonnenuntergänge gesehen und mittags unter Palmen gebratenen Fisch gegessen und Saft aus Kokosnüssen geschlürft. Ich bin durch Mangrovenwälder gestapft
und viel auf meinem Handtuch gelegen, hab mir die Beine an Korallen aufgeschlitzt und literweise Salzwasser geschluckt, während ich diese faszinierende Unterwasserwelt bestaunt habe. Ich habe Muscheln gesammelt und das Gefühl genossen, irgendwo weit weg von allem und jedem zu sein.



 Leider ist auch diese abgelegene Inselgruppe inzwischen in der indonesischen Wirklichkeit angekommen. Im aktuellen Lonely Planet schon als Highlight beworben, dürfte es mit der Beschaulichkeit recht bald vorbei sein. Mit steigenden Besucherzahlen dürften bald auch die Preise anziehen und der Tourismussektor stark expandieren, insbesondere im Luxussegment. Die schlimmste Plage des 21. Jahrhunderts aber heißt Plastik und macht auch vor den Karimunjawas nicht halt. Viel zu oft wird man aus seinen Träumereien gerissen, wenn man plötzlich auf grob vermüllte und verschmutzte Küstenstreifen trifft. Eine Bedrohung für den maritimen Nationalpark und das empfindliche Ökosystem, das er beherbergt. Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, irgendwann dorthin zurückzukehren und mir für ein paar Tage eine Insel zu mieten. Und ich hoffe inständig, keinen pazifischen Ballermann vorzufinden.






Donnerstag, 12. September 2013

Bromo - Ein erwartetes Abenteuer

Ganz unchronologisch greife ich vor und berichte von meinem Besuch am Mt. Bromo, dem heiligen Vulkan der Tengger im Osten Javas. Was es dort zu erleben gibt, ist kaum in Worten auszudruecken oder in Bildern zu fassen. Man muss es selbst erfahren haben. Und dennoch will ich hier den Versuch unternehmen, diese Erfahrung zu teilen:

Im Morgenrot
Alles beginnt mit einer beschwerlichen Anreise von Yogyakarta ueber Surabaya nach Probolinggo. Die letzte Etappe fuehrt ueber steile Serpentinenhinauf in das wolkenverhangene Bergdorf Cemoro Lawang. Die Nacht wird kurz. Um 2.00 Uhr erwacht man aus tiefem Schlummer, dehydriert und noch halb in seinen Traeumen verhaftet. Dann geht es aufwaerts. Mit Stirnlampe gegen die Dunkelheit und dicker Jacke gegen die schneidenden Winde, die hier oben wehen. Von der Landschaft ist nichts zu erkennen, alles ist tiefschwarz. Die Dorfbewohner waermen sich am Wegesrand an Lagerfeuern, rauchen und trinken Tee. Man kommt an einem kleinen Laden vorbei, es brennt Licht. Durchs Schaufenster sieht man Kekse. Es wird energisch gegen die Tuer gepocht.

Das Meer aus Sand
Mit frischen Kohlehydraten im Leib geht es weiter, immer nach oben. Langsam ist man aufgewaermt, die Muedigkeit faellt ab, das Tempo steigert sich. Nach etwa einer halben Stunde rasen die ersten Motorraeder an einem vorbei, nach einer weiteren halben Stunde dann die ersten Jeeps. Schliesslich ganze Blechlawinen, die sich die maroden Strassen hoch schieben, hinter den Scheiben muede weisse Gesichter.
Dann wieder Ruhe. Der Schweiss rinnt, man spuert die Feuchtigkeit am Ruecken. Der erste Checkpoint ist nicht mehr weit. Dick eingehuellte Gestalten sitzen in der Dunkelheit, kochen Tee, bieten Wasser und Suessigkeiten feil. Schliesslich steht man am Fusse des ersten Aussichtspunktes, der Morgen graut. Das letzte Stueck Weg hinauf passiert man eine Schlange von geparkten Gelaendefahrzeugen, Einheimische fuehren traurige Schindmaehren am Zuegel und bieten Transport an.



Jenseits der Asche
Hat man den ersten Aussichtspunkt erreicht, macht sich erstmal Enttaeuschung breit. Ein schwaches Panorama und Horden von Bleichgesichtern, die alle die gleiche Einheitstour gebucht haben. Doch der Spuk ist schnell vorueber, sobald man sich weiter vorwagt, hoeher ins Gebirge, selten genutzte Pfade empor. Die Tourgruppen werden nach einer halben Stunde Blitztlichtgewitter wieder in die Jeeps geladen und weiterverfrachtet. Man selbst sucht Entschleunigung, denn nur so laesst sich die Faszination dieser Landschaft begreifen.



Ein Dualismus
 Man muss sich diese Gegend wie eine Petrischale mit zerklueftetem Rand vorstellen. In der Mitte befindet sich das Bromo-Massiv, mit dem flachen Rauch-speienden Krater und Gunung Semeru im Hintergrund thronend. Je hoeher man steigt, desto klarer wird die Sicht, desto besser kommt das ueberwaeltigende Farbenspiel des Sonnenaufgangs zur Geltung. Man verweilt ein bisschen, raucht, laeuft weiter den Rand der Petrischale entlang. Vor einem in der Tiefe erstreckt sich das Meer aus Sand, eine karge Ebene aus Vulkanasche mit gelblischem Schwefelschimmer. Grossartig anzusehen, ist der Kontrast zwischen den ueppig-gruenen Huegeln um Cemaro Lawang und dem toten Grau des Sandmeeres, nur getrennt durch
einen schmalen Grat. Die Sonne steigt, immer neue Ausblicke eroeffnen sich, ueber ein Panorama aus Gruen und Grau. Affen kreuzen den Weg, man trifft auf eine fahrbare Suppenkueche, die hinten auf ein Moped geschnallt ist und genehmigt sich eine Staerkung.


Das klassische Motiv
 Schliesslich hat man den Bromo im Halbkreis umrundet und gelangt hinunter ins Meer aus Sand. Sofort verspuert man den Drang, auszuruhen. Es herrscht eine Alles verschlingende, beruhigende Stille. Nur von Zeit zu Zeit hoert man das Roehren eines Motorrades und den Wind, der ueber das duerre Gras und die Baueme an den Abhaengen streicht. Die Sonne brennt, man doest eine Weile und ist irgendwie mit sich im Reinen.



Der lange Marsch
Dann beginnt der Marsch durch den Staub, in Socken durch die heisse Vulkanasche in Richtung Bromo-Krater. Der trockene Wind schabt einem die Haut ab, kleine Sandstuerme geistern durch die Landschaft und der Staub setzt sich in den Lungen fest, erschwert jeden Schritt. Die Haut beginnt zu gluehen und nach einer gefuehlten Ewigkeit ist man am Fusse des Mt. Bromo. Obwohl es erst spaeter Vormittag ist, wirkt die Umgebung verlassen. Vermummte Einheimische reiten auf Pferden durch die Sandwueste, liegen in Tuecher gewickelt vor ihren Verkaufsstaenden, die Jeeps sind laengst weitergezogen.


Public transport
Am Fusse des Vulkanes liegt ein Tempel der Tengger, einer hinduistischen Minderheit im mehrheitlich muslimischen Indonesien. Der Berg ist ihnen heilig und viele Mythen ranken sich um den platten Nebeltrichter, seine Entstehungsgeschichte und seine Bedeutung fuer die Bergbewohner, die sich hierher zurueckzogen, als der Islam auf Java verbreitet wurde.
 In regelmaessigen Ritualen soll der Berg mit Opfergaben und Gebeten besaenftigt werden.  



Der Schlund
Wieder geht es ein humanes Stueck bergauf  zum Schlund. Korpulente Frauen auf klapprigen Maehren, penetranter Schwefeldunst, vereinzelt ein paar Souvenierhaendler, die ihren Job ernstnehmen, waehrend die Mehrheit Pause macht. Der Aufstieg ist schnell gemeistert und bald schaut man tief ins Erdinnere, nur getrennt durch ein schmales Gelaender, atmet Schwefeldunst und sieht dem weissen Rauch zu, den der Bromo bestaendig in den Himmel pafft.  





Es wird spaeter Nachmittag ehe man zurueck in der Herberge ist. Gute 14 Stunden koerperliche Belastung, Schlafmangel, Sonnenbrand, der Staub in den Lungen und das Ganzkoerper-Peeling im Sandmeer zeigen wuchtig ihre Wirkung. Aber die Sinne sind froh. Lassen wir noch einmal die Bilder fuer sich sprechen:

Silhouette


Semeru spuckt

Nach Sonnenaufgang

Das Meer aus Sand

Pause machen


Semeru spuckt wieder


Ein Hauch von Afghanistan

Am Schlund



Auszeit

                                                                          

Tempel
Suppenkaspar

        


Mittwoch, 4. September 2013

Kulturschwaerme

Sonnenaufgang ueber der Brobodur-Region
Kein Reisender, der Yogyakarta besucht, kommt an diesen massiven Steinhaufen vorbei. Borobodur und Prambanan heissen die ueber tausend Jahre alten Monumente, die die hinduistische ebenso wie die buddhistische Vergangenheit Javas repraesentieren. Mit unsaeglich viel Zeit, Muehe und Geld wurden diese bedeutendsten archaeologischen Staetten Indonesiens resauriert und bald danach zum UNESCO-Weltkulturerbe erklaert. Dementsprechend hoch waren auch meine Erwartungen. Der Sonnenaufgang ueber Borobodur, der lichte Morgen in Prambanan. Es sollten erhebende Momente werden. Aber wie das so ist mit hohen Erwartungen, sie werden gerne enttaeuscht. Denn die Atmossphaere in Borobodur und Prambanan ist in etwa so wuerdig und erhaben wie die im Legoland. Darueber beschweren kann man sich nicht. Wo es Attraktionen gibt, kommen Touristen. Wo es grosse Attraktionen gibt, kommen viele Touristen. Und viele Touristen sind zwar gut fuers Geschaeft, aber schlecht fuer Stimmung und Bausubstanz.


Borobodur
Wer am fruehen Morgen Borobodur besucht, trifft bereits auf Rudel von einheimischen Tourgruppen, die meist in einheitlicher Uniform und mit Teleobjektiven bewaffnet das Heiligtum unsicher machen. Auf den unteren und weniger fotogenen Etagen geht es noch ganz besinnlich zu, oben wird durchgaengig Jahrmarkt gefeiert. Was auf dem Nationaldenkmal in Jakarta noch neu und schmeichelhaft war, wird zur Geduldsprobe.
Kaum eine Minute bleibt zum ungestoerten Verweilen oder um die Aussicht ueber das ueppige Huegelland rund um Borobodur zu geniessen.
Excuse me, Mister? Can I take picture? Sorry Sir, photo please!


Prambanan
Prambanan, sozusagen der hinduistische Stiefbruder von Borobodur, ist zumindest frueh morgens noch erfreulich menschenleer. Denn die meisten Besucher buchen kombinierte Touren. Nach Sonnenaufgang Borobodur und dann direkt weiter nach Prambanan, um ein bisschen in der tropischen Mittagshitze zu koecheln und nebenbei noch ein paar Fotos zu schiessen. Die Kulisse hier ist indes gepreagt von
unzaehligen Muelltonnen , riesigen Verbotsschildern, die das Rauchen untersagen, und herumflackenden Arbeitern, die das herzlich wenig interessiert. Ein Teil der imposanten Hauptschreine ist zudem von dekorativen, blauen Plastikplanen eingehuellt. Eine kleine Reminiszenz and das schwere Erdbeben von 2006, durch das der Tempel schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde. Verantwortlich dafuer war der in unmittelbarer Nachbarschaft gelegene Gunung Merapi, einer der aktivsten und gefaehrlichsten Vulkane der Welt, der zuletzt 2010 ausbrach und auch die Welterbestaetten nicht verschonte.


Prambanan
Nachdem man die Tempelanlagen hinter sich gelassen hat und sich gerade bewusst zu machen versucht, was man von den letzten Stunden ueberhaupt mitgenommen hat, wartet auch schon der naechste Spießrutenlauf. Aus dem kurzen Marsch zum Ausgang wird eine unfreiwillige Kaffeefahrt, denn sowohl hinter Prambanan, als auch hinter Borobodur wurden ganze Staedte aus Souvenierbuden hochgezogen. Vogelpfeifen, Blasrohre, Boegen, traditionelle Masken, Schattenpuppen und billiger Tand jeder Art und Form.
Irgendwo auf Java muss eine gewaltige Plunderfabrik stehen. Der angebotene Krempel gleicht sich naemlich ueberall bis aufs Haar. Und auch die fliegenden Haendler sind ueberall gleichermaßen penetrant. Sie belagern einen in Scharen und es kostet einigen Gleichmut, sie wieder abzuschütteln. Wahre Sadisten hingegen heucheln Interesse, druecken die armen Teufel auf einen Mindestpreis und lassen sie dann einfach stehen. Nicht dass ich zu sowas faehig waere.



Sorry Sir, photo please
Borobodur und Prambanan sind zweifellos architektonische Meisterwerke ihrer Zeit und alleine mit den kunstvollen Reliefen, die Szenen aus dem Leben des Buddha und aus dem Hinu-Epos Ramayana zeigen, koennte man sich tagelang beschaeftigen. Es angemessen zu wuerdigen, faellt trotzdem nicht leicht. Obwohl sie die Hoehepunkte meiner Reise markieren sollten, sind die Tage in Borobodur und Prambanan doch nur schwach im Gedaechtnis geblieben. Diese Orte sind Gerippe, es fehlt ihnen an der Authentizität, die sie vielleicht vor 1000 Jahren einmal gehabt haben, als es dort nur Glaeubige und Pilger gab. Zurückbleiben ein paar Fotos und das Gefuehl, es mal gesehen zu haben.


I make special price for you
Und die Erkenntnis, dass lange Arme immerwährendes Glueck bedeuten. Denn auf der obersten Ebene von Borobodur gibt es eine Buddha-Statue, die unter einer Stupa verborgen liegt. Wem es gelingt, durch die Oeffnungen die gefalteten Haende der Figur zu beruehren, soll nach alter Legende einen Wunsch frei haben. Fuer mich kein Problem, fuer die meisten Javanesen hingegen schon. Ausserdem gibt es wohl keine Regel, dass man sich nicht unendlich viele Wuensche wuenschen darf. Damit duerfte zumindest fuer den Rest meines diesseitigen Lebens nichts mehr schiefen.

 


Mittwoch, 28. August 2013

Der lange Lappen von Jakarta

Gunung Salak
Etwa eine Stunde Zugfahrt durch die endlosen Wellblechburgen von Jakarta fuehren einen in das ehemals beschauliche Doerfchen Bogor. Ich sage ehemals, weil der Riesenkraken inzwischen auch diese kleine Oase niedergewalzt hat. Das allgemeine Verkehrschaos ist ebenso omnipraesent wie in Down-town-Jakarta zur besten Stosszeit. Natuerlich steht auch hier eine bombastische Shopping-Mall und die ueblichen Verdaechtigen haben sich breitgemacht, darunter natuerlich der Huehner-frittierende Fastfood-Colonel und Ronald McDonald`s asiatischer Schwippschwager.

Kebun-Raya
Wie im letzten Post angedeutet, war letzterer sogar ein echter Glueckstreffer. In Deutschland ist der Mc`Donalds ja mehr ein Ort, wo sich die Bahnhofsjugend zum Happy-Slapping verabredet. In Indonesien hingegen ist er ein Bespassungsparadies der exklusiven Sorte, wo die obere Mittelschicht ihre labbrigen Burger verspachtelt, als waeren es Austern. Ein Ambiente wie in einer besseren Hotellobby. Das Innere ist auf milde 23 Grad heruntergekuehlt, vor der Tuer parken SUVs, an der Wand haengen Plasmabildschrime.
Es gibt eine eigene Spielecke fuer Kinder, Computer mit Internetzugang und ein poliertes Messingschild mit dem Namen des Managers. Was man bisher nur aus Spongebob kannte, ist Wirklichkeit geworden. Wer sich besondere Verdienste ums Burgerbraten erwirbt, wird als Mitarbeiter des Monats verewigt. Ausserdem fuer jeden Handgriff Personal. Dass Indonesien noch immer eine Arbeitslosenquote von knapp 6% hat, ist kaum zu glauben. Es gibt mehrere Parkplatzanweiser, Wachmaenner und einen Angestellten, dessen einzige Aufgabe es ist, den Gaesten die Tuer aufzuhalten und debil zu grinsen.


Kebun-Raya
Was Bogor letztlich von Jakarta abhebt, ist deutlich reinere Luft und das moderate Klima, was es in erster Linie seiner gruenen Lunge zu verdanken hat, dem grossartigen Botanischen Garten Kebun-Raya.
Obwohl das etwa 87-Hektar grosse Areal von Bogors Hauptverkehrsader umzauent ist, fuehlt man sich doch ein bisschen wie im Elysium, wenn man gemaechlich durch die schattigen Haine spaziert. Besonders beeindruckend sind die gewaltigen endemischen Baeume mit ihren seltsam veraestelten Wurzeln. Und solange man seinen Besuch nicht unbedingt fuer Sonntag plant, bleibt man auch von Fotowuenschen und fanatischen Groupies verschont.

Dafuer sind die Naechte ausserordentlich kurz. Aus Mangel an Alternativen hat man sich fuer eine sehr preiswerte Pension entschieden. Die einzigen anderen Gaeste, die dort noch hausen, sind sehr stattliche Exemplare der Gattung Rattus Norwegicus. Auch ansonsten gibt es alles, was das Bagpacker-Herz begehrt.

Die Baeume haben Wurzeln


Ein Minimum an Komfort und ein Maximum an Unhygiene. Besonders praktisch ist es uebrigens, neben einer Moschee zu wohnen und Horden von Gekos an seiner Zimmerdecke zu dulden. Wie schon gesagt, man erwacht frueh. Mindestens um vier Uhr. Dann wird entweder der Muezzin von nebenan aktiv und beschallt dich eine halbe Stunde lang mit Allahu-Akbar-Gesaengen oder die Gekos fangen an, dir aufs Gesicht zu scheissen. Nichtsdestotrotz hat man morgens einen sehr malerischen Ausblick ueber die roten Daecher von Bogor bis zum Vulkan Gunung Salak. Weiter gehts nach Yogyakarta...

Sonntag, 25. August 2013

Ich rieche nach jakarta. Meine Kleidung ist inpraegniert mit dem Geruch dieser Stadt. Es ist ein herber Geruch, ein Gestank fuer jede europaeische Nase. Ein Gemisch aus Smog und suesslicher Verwesung, oben drauf alle 50 Meter ein Schwall Kloake. Die Kanalisation ist marode und verlaeuft direkt am Strassenrand, nur unzureichend bedeckt von loechrigen Betonplatten.
Ratten und Kakerlaken sind wohlgenaehrter als die duerren Kaetzchen, die unter den Tischen der zahllosen Strassenkuechen nach Futter maunzen.



Skyline bei Tag
Jakarta ist ein Moloch, eine asiatische Gigametropole, die ihrer eigenen Groesse nicht gewachsen ist. Von frueh bis spaet herrscht durchgaengig anarchisches Gestopfe und Gedraenge auf den Strassen, die heil zu ueberqueren die erste Herausforderung an jeden Fremden darstellt. Der Verkehr in Jakarta kennt nur das Recht des hoeheren Risikos, jeder ist sich selbst der Naechste und versucht sich so eilig und halsbrecherisch wie moeglich durch durch die Massen zu schieben und sofort in jede frei werdende Luecke zu stossen. Die beste Art, dieses Chaos naeher kennenzulernen, ist eine Fahrt mit dem Threewheeler waehrend der Rush-Hour. Ich war immer wieder erstaunt, wie es sein kann, dass die Leute von drei Seiten gleichzeitig Vollgas gaben und unser windiges Gefaehrt trotzdem nicht zerquetscht oder zumindest touchiert wurde.



Regierungsviertel
Wie in jeder Schwellenmetropole ist auch das Leben in Jakarta ein Spiel der Kontraste. Im Zentrum stoesst man auf groessenwahnsinnige Shopping-Malls mit greller Leuchtreklame, die noch nicht einmal zur Haelfte mit Geschaeften gefuellt sind. Auch die Vertreter westlich-konsumfreudiger Lebensart haben in grosser Zahl Einzug gehalten. Jakarta hat weder eine funktionierende Abfallentsorgung, noch eine intakte Kanalistation, noch ein effizientes oeffentliches Nahverkehrssystem, aber dafuer ungefaehr 10.000 Mal Kentucky-Fried -Chicken. Fastfood ist ein Statussymbol.


Die Monas
Nur etwa 50 Meter weiter die selbe Strasse entlang liegen Muetter mit ihren halbverhungerten Babies auf der Strasse und Fuenfjaehrige tragen ihre heulenden, aufgeblaehten Geschwisterchen durch die Fresstempel der Stadt, um ein paar Muenzen zu erbetteln. Geht man weitere 50 Meter die Strasse entlang, stehen da ein Mann und eine Frau. Die Frau traegt Pfennigabsaetze, Handtasche und Minirock, ihr Gesicht ist weissgetuencht wie da einer Geisha, darunter zeichnen sich Falten ab. "I love you", ruft sie mir zu. Als ich sie ignoriere, laeuft mir der Mann ein Stueck hinterher. Er laechelt mich an und macht eigentlich einen freundlichen Eindruck. Er bietet mir die Frau fuer 500.000 Rupiah an, Massage und Sex fuer etwa 40 Euro. Ueberdurchschnittlich teuer, aber wahrscheinlich liegt es daran, dass er die anspruchslose Dame aus ihrem angestammten Revier in die Naehe der Bagpacker-Meile Jalan Jaksa geschleift hat, wo man Sex teurer verkaufen kann als in den verrufenen Rotlichtbezirken der Vorstaetdte, wohin sich kaum ein Auslaender verirrt.


Fans
 Ueberhaupt, Auslaender sind etwas Besonderes. Ich spuerte das am deutlichsten bei meinem Besuch des Nationaldenkmals im Herzen von Central-Jakarta. Die Monas, wie die Einheimischen es nennen, ist ein 132-Meter-hoher Phallusbau aus Italienischem Marmor, gekroent von einer Flamme aus massivem Gold.
An der Spizte befindet sich eine Aussichtsplattform, von der aus man - falls der Smog sich lichtet - grosse Teile der Stadt ueberblicken kann. Im Keller wird mit Hilfe von possierlichen kleinen Dioramen die Geschichte des Inselreiches propagandagerecht vorgekaut. Einheit seit der Urzeit wird da beschworen. Die Diversitaet der ueber 17.000 Inseln und 300 verschiedenen Ethnien, das viele Blut und die vielen inneren wie auesseren Konflikte, aus denen das moderne Indonesien hervorging, werden da grosszuegig ausgespart.
Man konzentriert sich auf die schwarzen Zahlen, also meistens heldenhafte Niederlagen gegen die hollaendische Besatzungsmacht.

Den groessten Teil der Besucher machen einheimische Touristen aus, als Auslaender geniesst man einen gewissen Seltenheitswert. Ich muss gestehen, dass ich noch nie einen derartigen Rummel um meine Person erlebt habe wie auf dieser engen Aussichtsplattform auf der Monas in Jakarta. Ich fuehlte mich ein bisschen wie ein Held oder zumindest wie Guttenberg zu seinen besten Zeiten.
Es beginnt ganz harmlos. Jemand ringt sich dazu durch und bittet um ein Foto. Man gewaehrt es ihm, die anderen verlieren ihre Scheu und tun es ihm gleich.
Bald werden einem Saeuglinge in die Hand gedrueckt, dann entstehen Gruppenbilder mit ganzen Sippschaften, alte Weiber mit bunten Kopftuechern draengeln sich in Scharen vor die Linse. Man soll mal sitzen, mal stehen, mal den Arm um die Schulter legen. Man ist geduldig, laechelt, laesst sich auch noch das zwanzigste Mal bitten. Ich fuehlte mich zunaechst ein bisschen geschmeichelt, obwohl es ja nur der Tatsache geschuldet war, dass ich kein bisschen indonesisch aussehe und die meisten von ihnen turmhoch ueberrage.
Da die lieben Leute aber mit ihren Fotowuenschen immer penetranter wurden, war ich aber doch heilfroh, als der kurze Ruhm wieder verflogen war und es im Aufzug abwaerts ging.


Die Kota
Ein wenig koloniales Flair atmet die Kota, das Altstadtviertel noerdlich des Zentrums. Ich fuehlte mcih ein bisschen an Galle erinnert, meine alte Wirkungsstaette in Sri Lanka. Weissgetuenchte Kolonialbauten, dazwischen schattige altehrwuerdige Baeume, Oldtimer aus den Dreissigerjahren, ein paar Strassenkuenstler und das versnobte Cafe Batavia. Im Gegensatz zum gruendlich sanierten Galle-Fort aber, wurde die Kota straeflich vernachlaessigt.



Die Muellbruecke
Die Bausubstanz ist in grossen Teilen verrottet, der von den Hollaendern angelegte Kali-Besar-Kanal ist zu einem duennen Faekalienrinnsaal verkommen, die einzig erhaltene historische Bruecke dient den Aermsten als Wohnung und
dem ganzen Viertel als Muelldeponie. Aber die Maengel sind ja bekannt und anscheinend ist man um Besserung bemueht. Bei meinem Gang durch die Kota liess ich ich mich zu einer Umfrage ueberreden. Jakarta soll attraktiver fuer Touristen werden und dafuer moechte man den Status-Quo sondieren. Das Urteil musste groesstenteils vernichtend ausfallen. Auf die Frage: what was your first impression of Jakarta?, antwortete ich wahrheitsgemaess: a very bad smell. Trotzdem gabs zur Belohnung einen Block mit der Aufschrift: Enjoy your visit in Jakarta.



Die Schatten
Und das habe ich tatsaechlich getan. Ich schreibe diese Zeilen aus einer McDonald`s-Filiale in Bogor, etwas ausserhalb von Jakarta, der einzige Platz in der Gegend, wo es noch Computer und nicht nur Wi-Fi gibt.
Wenn ich so zurueckblicke waren die vier Tage, die ich in Jakarta verbracht habe, die anstrengendsten, aber auch aufregendsten seit langem.
Weder ich, noch irgendwer, den ich kenne, wuerde sich in dieser Stadt langfristig wohlfuehlen oder koennte gar dort leben. Es ist zu laut, zu dreckig, zu voll, man ueberreizt innerhalb von Tagen und ist gluecklich, dem Moloch wieder entflohen zu sein.


Das Leben
Aber Jakarta hat auch seine sonnigen Seiten. Es pulsiert vor Leben und man kann kaum einen Schritt tun, ohne neue Eindruecke in sich aufzusaugen. Die Strassen sind Tag und Nacht bevoelkert von Menschen, die an Strassenkuechen essen, schwatzen, rauchen, Musik machen, betteln, Handel treiben oder schlicht herumflacken. Als Auslaender fuehlt man sich sicher, die Kriminalitaetsrate ist im Vergleich zu anderen Metropolen erfreulich niedrig, die Menschen sind hilfsbereit und offenherzig. Man pflegt einen moderaten Islam, die meisten Frauen tragen die Haare offen und die Roecke kurz und man darf sich auch mal in der groessten Moschee Suedostasiens in die Gebetsraueme verlaufen, ohne gleich gelyncht zu werden. Wenn die kommenden Wochen ebenso bereichernd werden wie die vergangenen vier Tage, werde ich zufrieden wieder heimkehren.